Gelesen im September

Herbstzeit ist Lesezeit! Da der September leider nicht der erhoffte Spätsommermonat wurde, sondern schon richtig herbstlich war, wurde viel gelesen hier. Gestern hat mir sogar schon das erste Feuer der Saison die Eisfüße gewärmt.

Das waren meine September-Bücher:

Uwe Glinka & Kurt Meier trafen sich bei einem Kurs, den das Arbeitsamt Arbeitsagentur Jobcenter den Hartz IV-lern auferlegt hatte und die beiden waren sofort dicke miteinander. Aus dieser Freundschaft und ihren Talenten entstand ihr Projekt, sich mit einem Kochbuch für Hartz IV-Budget (3,44 € pro Tag für Essen) selbständig zu machen.
In ihrem Buch „Wir Krisenköche“ erzählen sie im Rückblick, wie es ihnen dabei ergangen ist. Der rasche Erfolg stellte sich dank starker Medienpräsenz ein, nachdem sie bei Günter Jauch in Stern TV auftraten und sich danach alle Sender um sie rissen. Dass einer der beiden Autoverkäufer war, die ja bekanntlich Eskimos Kühlschränke verkaufen können, erklärt wohl auch, das sie erfolgreich ein Kochbuch publizieren konnten, ohne wirklich Ahnung von Kochen oder Ernährung zu haben. Die Rezepte haben sie sich von Landfrauen-Verbänden zuschicken lassen und der Verlag ließ eine Ernährungsberaterin über die Rezeptauswahl schauen. Meinen Respekt für den Willen und den Mut, sich rauszukämpfen, haben sie!

 

„Eierlikörtage – Das geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 83 1/4 Jahre“ – ein dicker Wälzer, traurig und schön zugleich, humorvoll, lakonisch und mitten aus dem Leben. Der niederländische Senior Hendrik wohnt im Altersheim und beschließt, ein Jahr lang Tagebuch zu schreiben. Er gründet mit seinen Freunden den Club „Alanito“  (Alt aber noch nicht tot), kritisch beäugt von der Heimleitung, die Abweichung von der gewohnten Ordnung und individuelle Geister nicht duldet. Jeder aus der Seniorentruppe organisiert einen Überraschungsausflug, der so gar nicht nicht dem üblichen Schema „Busfahrt, Mittagessen, Teetrinken, Busfahrt zurück“ des Heims entspricht. Er erlebt noch mal zarte Bande der Liebe mit Eefje, die ihm jedoch bald durch einen Schlaganfall wieder genommen wird, er trinkt sich mit seinem Kumpel Evert durch die Tage, kauft sich einen Scooter, um mal wieder etwas von Amsterdam zu sehen, das über seinem eingeschränkten Spaziergeh-Radius hinausgeht, und die Clique kümmert sich ganz rührend umeinander, wenn sie mal Hilfe brauchen.
Unbedingt lesen! Sein Humor ist stärker als die traurigen Komponenten des Buches, es läßt einen also nicht tieftraurig zurück, wenn die letzte Seite gelesen ist.

Da ich bei der Rückgabe in unserer Gemeinde-Bücherei so von dem Buch geschwärmt habe, hat mir die Bibliothekarin unaufgefordert gleich den zweiten Band besorgt. Das nenne ich mal aufmerksamen Service!
Tanztee“ habe ich dann aber nur bis zur Hälfte gelesen, da es den ersten Band nur wiederholt hat.

 

Kleinstadtgeschichten aus den USA lese ich unheimlich gerne. So wie diese wunderschön erzählte Geschichte von Jonathan Tropper „Der Stadtfeind Nr. 1“ (bitte nicht von der unglaublich schlechten Covergestaltung irritieren lassen).
Wenn man in den 80ern in einer Kleinstadt wie Bush Falls in Cunnecticut aufwächst, muss man zu den Cougars gehören, in der schon der Vater Basketball gespielt hat. Wenn man so wie Joe nicht dazugehört, hat man es ziemlich schwer, sich dort zu behaupten. Wenn sich dann noch deine beiden Freunde ineinander verlieben und die kleinstädtische Hexenjagd beginnt, als es publik wird, wird es noch komplizierter. Nach dem dramatischen Ende dieser Geschichte geht Joe nach NY und wird mit einem autobiografischen Roman über seine Jugend in Bush Falls reich und berühmt.  Im Roman rechnete er mit allen hart und schonungslos ab und so wird seine überraschende Rückkehr nach 17 Jahren, als sein Vater im Sterben liegt, kein Zuckerschlecken. Er versucht, eine Beziehung zu seinem Bruder und dessen Sohn aufzubauen, sich seiner großen Jugendliebe wieder anzunähern und endlich einen zweiten Roman zu schreiben. Allerlei passiert: Die damals angebetete Mutter seines Freundes macht ihm eindeutige Avancen  (im Roman hatte er ja kein Blatt vor den Mund genommen, als er über diese Obsession berichtete), sein Auto explodiert, der örtliche Buchklub beschränkt sich auf Bücherwürfe auf sein Haus, sein ehemaliger Schulkamerad, der nun Polizeichef ist, versucht, ihn umzubringen… Während er zusammen mit seiner Jugendliebe Carly den an AIDS erkrankten gemeinsamen Schulfreund bis zu seinem Tod begleitet, finden Carly und er langsam auch wieder zueinander.
Eine wunderbar erzählte kurzweilige Geschichte, die ich im Urlaub an zwei Tagen durchgelesen habe.

Das Buch erinnerte mich ein wenig an den wirklich guten Film „Sieben verdammt lange Tage“, den ich vor kurzem im Fernsehen sah, und las dann, dass der Film auf einem anderen Roman von Jonathan Tropper basiert.

 

Hahaha! Hier habe ich mich sehr gut amüsiert. Die Geschichten des Poetry Slammers Patrick Salmen in „Genauer betrachtet sind Menschen auch nur Leute“ sind genau mein Humor. Den kannte ich noch gar nicht. Der kommt demnächst auch nach Braunschweig, vielleicht gehe ich da mal hin.
Sehr zu empfehlen!

 

Au weia, ich werde wohl alt: Dieses Buch habe ich gerade verschlungen und fand es richtig toll. Dann das: Als ich gerade ein anderes Buch aus meinem Best-of-Bücherregal nahm, stieß ich auf genau dieses Buch (allerdings in anderer Aufmachung als Taschenbuch)! Ich hatte es also schon mal gelesen und für gut befunden, ohne dass ich mich beim Lesen jetzt daran erinnerte. Das gibt zu denken. Vermutlich brauche ich gar keine neuen Bücher mehr, sondern kann mich noch einmal durch meinen Fundus lesen, ohne mich zu langweilen.

Bonnie Jo Campbell erzählt in „Ein wilder Tag“ eine amerikanische Kleinstadtgeschichte aus Michigan. Es geht um die junge Rachel, die als Outlaw mit ihrer Mutter auf einem Flußboot aufwuchs und eine wilde und sehr eigenwillige Persönlichkeit hat; um ihren wesentlich älteren Mann George, den sie heiratete, um Land zu besitzen und um ihre sich doch noch entwickelnde Liebe; und um David, den kleinen asthmatischen Jungen einer Rabenmutter, die mit auf dem Hof wohnt. David tut alles, um die Aufmerksamkeit von George zu gewinnen, und versucht sogar, seine Lungen mit Staub und Zigaretten „abzuhärten“. Leider zündet er dabei unachtsam Georges Scheune an und alle scheinen alles zu verlieren. Wie die drei doch noch so etwas wie eine Familie werden und viele kleine Randgeschichten von Nachbarn, ein altes Geheimnis, die schöne Sprache und die weite amerikanische Provinz machen es zu einem richtig guten Buch.

 

Das war echt schräg: Hans Rath „Saufen nur in Zimmerlautstärke“ ist eine wirklich skurrile Story um den Berliner Anwalt Adam, der knapp dem plötzlichen Herztod entgeht und auf Anraten des Arztes spontan nach Island fliegt, um den Kopf freizukriegen. Seine Begegnung mit dem Troll Magnus und dem folgenden totalen Chaos wird in einem rasanten Schlag-auf-Schlag-Plot erzählt. Absurd, aber richtig gut! Lesen!

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