Auszeit am Po der Welt – Teil 2

Hier kommt Teil 2 meines Reiseberichtes zu unserer kleinen Auszeit im Juni am Kummerower See in Mecklenburg (Teil 1 findest du hier).

Ganz in der Nähe unserer Ferienwohnung stehen die berühmten Ivenacker Eichen, ein Wald voller Baum-Veteranen, die älteste Eiche ist tatsächlich 1000 Jahre alt! Unvorstellbar, oder? Das mussten wir uns ansehen.

Ja, man durfte nicht direkt ran, mit der Begründung, dass Teile herunterfallen können. Aber ich habe entschieden, dass von einer tausendjährigen Eiche mit einem abgeworfenen Ast um die Ecke gebracht zu werden nicht der schlechteste Tod ist, und hab sie mal gedrückt. War klar, oder?

Man könnte drin wohnen!

Auf dem Gelände gibt es zahlreiche sehr alte Bäume zu sehen, manche hat es auch schon umgehauen.

Das Damwild läuft hier tatsächlich frei herum, es war schon ein Erlebnis, so dicht an den Tieren dran zu sein. Der Baum dahinter erinnerte mich ein bisschen an „Herr der Ringe“.

Ansonsten gibt es in der Gegend einige kleine, sehr ruhige Städtchen, mit Grundstücken am Wasser. Seufz.

Ein Ausflug führte uns nach Greifswald, das uns sehr gefiel. Eine gemütliche alte, aber sehr lebendige Studentenstadt am Meer mit vielen jungen Leuten auf Fahrrädern.

Hier wohnt auch der Pustefix-Bär, der den ganzen Tag fleißig Seifenblasen in die Fußgängerzone pustet!

So sehen Tauschregale leider aus, wenn sich nicht ständig jemand darum kümmert. Schade.

Der gute alte Feminismus lebt!

… oder auch nicht.

Kultur auf dem platten Land: Direkt am See in Kummerow liegt das Kummerower Schloss von 1730, das eine tolle fotografische Sammlung enthält. Der neue Schlossherr kaufte und saniert seit 2012 nicht nur das Gebäude, sondern füllte es mit einer Sammlung Fotos anerkannter Künstler, aber auch aufgekaufter privater Fotosammlungen, die den Alltag seit dem Krieg dokumentieren.

Schon an der Eingangstür begeisterte mich dieses Konzept, es zog sich durch das ganze Gebäude: Durch das stückweise Sichtbarlassen des Alten wird die Geschichte des Hauses wieder lebendig.

Die von Fotograf Werner Mahler über Jahrzehnte fotografierte Abiturklasse von 1977.

Vor diesem Foto blieb ich lange hängen: die Dresdner Frauenkirche direkt nach der Bombardierung. Als ich 1988 in Dresden studierte, lagen ihre Trümmer noch genau so dort. Ich fand immer, dass es keinen besseren Ausdruck der Anklage gegen Krieg gibt als den Anblick dieses Trümmerbergs, aber die Dresdner wollten lieber einen in Disney-World-Manier aufgebauten rummeligen Platz um die neu aufgebaute Kirche mit pseudo-alten Häusern drumherum.

Die vielen Fotos des DDR-Alltags haben mich stark berührt. Hatte wirklich fast schon vergessen, wie trist es war. Hier mein damals geliebtes Trink-fix im Delikat-Laden-Schaufenster, ein Lebensmittel-Luxus-Laden mit horrenden Preisen. Sehr ansprechend arrangiert.

So hat tatsächlich mein Alltag auch mal ausgesehen. Unvorstellbar und Lichtjahre von unserem heutigen Leben entfernt.

Diese erhaltenen Wand-Sprüche erinnern an die profane Nutzung des Schlosses zu DDR-Zeiten als Konsum, Kneipe, Bürgermeisterei und Grund- sowie Oberschule. (Soso, denken sollten wir also, meinte der Walter Ulbricht… Kann mich gut erinnern, dass das damals nicht wirklich erwünscht war. Außer in eine einzige, vorgegebene Richtung.)

Hab ich immer gemacht: schön gebügelt und in die Schublade gelegt.

Unsere absolute Lieblingsfotografie dieser Sammlung: FDJ-Ordner auf dem Springsteen-Konzert 1988 in Ostberlin.

 

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3 Gedanken zu „Auszeit am Po der Welt – Teil 2

  1. Grüß dich, Bahnwärterin! Jetzt haste mir glatt einen Stones-Ohrwurm verpasst, den werde ich heute wohl nicht mehr los -lalalala-hahaha…. Sehr gut! Das mit den Geschmackserinnerungen aus der Kindheit hat wohl jeder schon erlebt, Geschmack und Gerüche bringen manchmal längst in Kopf-Schubladen ganz hinten vergrabene Erinnerungen wieder hoch. Bei Natalia hat das ja noch ein Happy-Ice-End gegeben – schöne Geschichte.
    In den Supermarktregalen liegt übrigens wieder Bambina-Schokolade – uaaaaahhhrggg. Auf die Wiederbelebung dieses „Geschmackserlebnisses“ verzichte ich gern und freiwillig. Gruseliges Zeug. Wer kauft das?
    Liebe Grüße in die Berge,
    Annett

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    • @bambina: der bahnwärter!! wenn ich ihn lasse 😀 allerdings ist die aktuelle bambina nicht ganz so gruselig wie der original-pamps – der wäre wohl nicht durch die west-zulassung gekommen – hihi!
      xxx

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  2. au weia.
    aber wer engagierte sich schon in der FDJ über das mindestmass hinaus – die, die es nötig hatten…..
    böse.
    ein wunderbarer post! auch wenn ich bei der kahlen eiche eher an c.d.friedrich denke als an kintopp – ***baby, baby – you´r out of time*** sangen die stones heute im radio – lalala. aber die zeitreise im kummerower schloss ist der hammer – und passt zur von dir gespendeten literatur – bin sehr begeistert vom moskauer eis – danke nochmal. apropo – natalia hat jahrzehnte nach diesem geschmack gesucht in ihrer neuen heimat: http://inthewriterscloset.blogspot.de/2017/07/on-bottomless-closets-childhood-flavors.html
    jetzt muss ich aber noch teil 1 lesen!!
    drückers! xxxxxx

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