Gelesen im Mai und Juni

Zack – eh ich mich versehe, sind die Wochen schon an mir vorbei geflogen. Momentan lockt das echte Leben da draußen mich mehr als das virtuelle in Bloglandia. Wenn ich barfuß im Gras sitzen kann, verspüre ich überhaupt keine Lust, mich vor den Rechner zu setzen, Fotos zu bearbeiten und Blogbeiträge zu schreiben. Heute konnte ich mich aber mal aufraffen und stelle Euch die gelesenen Bücher der letzten beiden Monate vor. Die vielen Bücher, die ich nach 30 Seiten (meine Bewährungsschwelle für jedes Buch) wieder weggelegt habe, sind hier nicht dabei.

Weil der erste so schön war, las ich noch einen Roman von Willa Cather: „Die Frau, die sich verlor“ von 1922. Sie beschreibt hier die charismatische und wunderschöne Frau eines wesentlich älteren Eisenbahnpioniers, die nach der Besiedlung des wilden Westens an seiner Seite in einer Kleinstadt lebt und für den Erzähler, einen Nachbarsjungen, sehr anziehend ist. Später zeichnen sich Verarmung und Ehebruch ab. Ein schön erzählter Roman über die frühen Jahre des „neuen“ Amerikas nach der Pionierzeit.

Viel spannender ging es in dem Wilden Westen zu, den Joe R. Lansdale in „Das Dickicht“ beschreibt. Eine Mischung aus Huckleberry Finn und True Grit, schreiben die Pressestimmen und treffen damit genau auf den Punkt. Was der Waisenjunge Jack kurz nach dem Pocken-Tod seiner Eltern mitmachen muss, ist harter Stoff. Die Hütte wird verbrannt, seine Schwester und er sollen vom Großvater zur Tante gebracht werden, aber Opa wird von miesen Banditen schon am nächsten Fluß umgelegt und die Schwester entführt. Jack trifft auf den Zwerg Shorty und den Sklavensohn Eustace, die sich als Kopfgeldjäger anheuern lassen, dazu stößt dann das Freudenmädchen Jimmie Sue.  Sie machen sich auf ins „Dickicht“, das Gebiet in dem die Banditen hausen. Am Ende der äußerst spannend beschriebenen Reise wird die Schwester in einem großen Showdown befreit, unterwegs bleibt kein Auge trocken.
Lansdale-Geschichten sind unbedingt empfehlenswert: Spannung, Humor & Wilder Westen wie ein Filmplot, ganz großes Kopfkino!
Zwischendurch mal wieder einen Frauenroman: Anneke Mohn „Kirschsommer“. Geschrieben nach dem typischen Drehbuch aktueller Frauenromane: Gestreßte Großstadtfrau findet sich in einem idyllischen Traumhaus auf dem platten Land wieder (hier im Alten Land bei Hamburg, da Oma gestürzt ist und ihre Kirschplantage nicht abernten kann). Im Haus findet sich ein altes Familiengeheimnis, und der Nachbar entpuppt sich nach nährerem Hinsehen (gestrandeter Weltenbummler mit Schicksalschlag) als die große Liebe. Gähn. Ich muss mal aufhören, so was zu lesen…


Das war interessant: Karin Michalke „Auch unter Kühen gibt es Zicken“. Ein Erlebnisbericht über eine taffe Frau, die ihre Sommer auf der Alm mit harter Arbeit und vielen Kühen mit individuellen Persönlichkeiten verbringt. Abseits jeder Aussteigerromantik beschreibt sie ihre Emotionen und Motivation bei dieser ungewöhnlichen Arbeit. Habe ich sehr gern gelesen- empfehlenswert.

O je, bei „Neuland“ von Frau von Kürthy war ich, wie immer bei ihr, hin- und hergerissen. Ich mag ihren locker-flockigen Schreibstil, aber inhaltlich passt es leider zu meinem Bild von ihr, das ich auch in diversen Talkshow-Auftritten und ihren Frauenzeitschrifts-Kolumnen gewonnen habe: sehr, sehr oberflächlich. Das gute: Sie steht dazu, wenig Tiefgang zu haben, ihre Hobbies sind Seriengucken und Kuchen essen, ihr Weltbild dreht sich in Endlosschleife um die Optimierung ihres Körpers. Das kann sie in diesem Experiment hervorragend ausleben: ein Jahr lang alle möglichen neuen Dinge ausprobieren und dann ein Buch darüber schreiben war das Thema. Ja, sie war u.a. auch im Hospiz, aber trotzdem wird das Buch von ihrem Lieblingsthema beherrscht, sie verwandelt sich mittels tausender Euros in eine Barbie und wundert sich dann ein bisschen, dass sie anders und bevorzugt wahrgenommen und behandelt wird als vorher (was für eine Erkenntnis!). Mit dem verbratenen Budget hätte sie vielleicht auch interessantere „Neuland“-Erfahrungen mit echten Horizonterweiterungen machen können.

Das war ein wirklich tolles Buch: Mark Haddon erzählt in „Der wunde Punkt“ eine lustige Familiengeschichte aus England. Tragik-komisch trifft es wohl am besten, um es zu beschreiben. Der wunde Punkt ist ein Fleck, den George kurz nach seiner Pensionierung an seiner Hüfte entdeckt. Ihm ist klar, dass er nun sterben muss und er katapultiert sich vor Angst in einen Blackout. Kann ich gut nachvollziehen. Der Rest der Familie kämpft mit eigenen Problemen: die Tochter heiratet (und zweifelt kurz vorher), der Sohn verliert seinen Partner, weil er es nicht schaffte, ihm seine Liebe zu zeigen, seine Frau betrügt ihn mit seinem besten Freund… Großer Showdown auf der Hochzeit- mehr verrate ich nicht.

Der neue Roman von Heinz Strunk stand in der Bibliothek – und musste natürlich mit. „Jürgen“ erzählt lakonisch-lustig über sein Leben als Single, er wohnt mit seiner bettlägerigen Mutter zusammen und arbeitet in einem Parkhaus. Bierchen mit seinem Kumpel Bernd sind neben der Lektüre von Sachbüchern zum Kennenlernen von Frauen die einzige Abwechslung. Jürgen ist umgeben von „armen Willis“, nur dass er selbst auch einer ist, nimmt er nicht wirklich wahr. In der Theorie ist er absoluter Fachmann für Frauen, nur mit dem echten Kennenlernen klappt es nicht. Speed-Dating bringt keinen Erfolg und so macht er sich mit Bernd auf dem Weg nach Breslau, mit der Firma „Eurolove“… – Ein typischer Strunk.

Vanessa Diffenbaugh „Die verborgene Sprache der Blumen“ – hat mich wirklich gepackt. Die Hauptfigur wuchs im Heim und in diversen Pflegefamilien auf und konnte nie eine Bindung zu einem anderen Menschen aufbauen, sie hat es einfach nicht gelernt. Jetzt mit 18 muss sie auf eigenen Beinen stehen und versucht, irgendwie in der Welt klar zu kommen. Sie kommuniziert mit der Sprache der Blumen, wie es vor hunderten von Jahren Adlige taten, anders kann sie ihre Gefühle nicht ausdrücken. Auch als sie der großen Liebe begegnet und sich viele Menschen in ihrem neuen Umfeld eines Blumenladens wirklich stark um sie bemühen, fällt sie immer wieder in erlernte Muster zurück und lässt niemanden an sich heran. Sie bringt ein Kind zur Welt und versucht, es ganz allein zu schaffen, scheitert aber an dieser großen Aufgabe. Als schon fast alles verloren scheint, lernt sie langsam, sich auf die Liebe einzulassen und versöhnt sich auch mit ihrer ehemaligen Pflegemutter, die sie aufgrund eines tragischen Ereignisses aus den Augen verlor. Happy End – Gott sei Dank!  Ein tolles Buch.

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