Gelesen im Mai

Was für ein Monat! Dieser Mai fühlte sich an wie ein ganzer Sommer. Die schönen, fluffig leichten Sonnentage steigerten sich zur langanhaltenden Hitzewelle und einem finalen Paukenschlag mit starken Unwettern am Monatsende.
Auch die Bücher auf meinem Nachttisch hatten es in sich. Allesamt starke Bücher mit emotional fordernden Geschichten.

Von Robert Seethaler hatte ich schon die „Biene und der Kurt“ und „Die weiteren Aussichten“ gelesen und als ich in einem kleinen, aber feinen Antiquariat auf den „Trafikanten“ stieß, nahm ich ihn mit.  Zwar sind Wien in den dreißiger Jahren und Siegmund Freud nicht gerade Themen, die mich zu einem Buch greifen lassen würden, aber ich hatte noch die Schwärmerei von Christine Westermann in „frau tv“ im Gedächtnis, bei der sie das Buch dringend empfahl.
Die mit leichter Hand erzählte Coming of age-Geschichte des jungen Franz, der aus der Provinz nach Wien zur Lehre in ein Zeitungs- und Tabakgeschäft geschickt wird, die Liebe und den berühmten Psychoanlytiker Freud beim Zigarrenkauf kennenlernt und die dunkel aufziehenden Wolken am Himmel der Geschichte haben mich schon nach den ersten Seiten gepackt und nicht losgelassen.


Thommie Bayer
war für mich eine tolle Neuentdeckung und nach dem ersten Buch aus dem Büchertauschregal brauchte ich mehr, wurde im gleichen Antiquariat auch fündig.
Der Titel: „Heimweh nach dem Ort, an dem ich bin“ – durchaus ein Gefühl, das ich auch kenne. Der Klappentext beschreibt die Geschichte sehr gut, daher mopse ich ihn hier mal:
„Eigentlich ist er immer nur geflohen. Vor jedem Schmerz, jeder Niederlage und am Ende vor sich selbst. Das wird ihm klar, als er den Ort findet, den er vielleicht ein Leben lang gesucht hat: einen Bungalow inmitten von Weinbergen und Tabakfeldern, Ahorn und Holunder. Ein Idyll. Einer Katze, die ganz selbstverständlich mit ihm spricht, und einer Nachbarin, die ihm ebenso selbstverständlich ihre Freundschaft schenkt, gelingt es nach und nach, ihn aus seiner Erstarrung zu lösen. Und er lernt wieder den Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein zu erkennen. Endlich öffnet er sich und erzählt, was vor Jahren mit seiner Frau und seinem Sohn geschehen ist. Er begreift, dass er sich entscheiden muss für ein Leben mit sich selbst….“
Dringende Leseempfehlung von meinem Mann, meiner Mutter und mir, wir haben das Buch hintereinander weg verschlungen. Pflichtlektüre für Katzenliebhaber.

Fallers große Liebe“ ist ein Roadmovie mit dem jungen Antiquar Alexander, der in seinem schlecht laufenden Laden von einem Kunden für eine gutbezahlte Tour als Chauffeur angeheuert wird. Im dunkelgrünen Jaguar fahren sie von Ort zu Ort und erst unterwegs in den Gesprächen über das Leben und die Liebe erschließen sich Alexander und dem Leser der Sinn und Zweck der Reise. Unterhaltsam und lebensweise geschrieben!

 

Noch ein Roadmovie: Lucy Fricke „Töchter“. In einer herrlich lakonischen Sprache geschrieben und alles kommt anders als erwartet. Auch hier schließe ich mich der Meinung von Christine Westermann an und sage: „Lesen!“

 

Uff, das war das härteste Buch des Monats: „Die Gestrandete“ von Alexander Maksik.
Wir erleben hautnah mit, wie sich die aus Liberia geflüchtete Jaqueline auf der griechischen Insel Santorin durchschlägt, immer auf der Suche nach Wasser, Essen und einem Schlafplatz. Es ist schwer für sie, sich den Anschein einer normalen Touristin zu geben, um sich zu schützen. Ihre Mutter ist in ihrem Kopf bei ihr, ihre Ratschläge helfen, zu überleben. Die Schilderung ihrer Einsamkeit inmitten von Menschen und die Ahnung, was ihr und ihrer Familie passiert sein könnte, sind schwer auszuhalten.
Erst die Öffnung einer Fremden gegenüber, die Fürsorge für sie zeigt, lässt sie über ihre Geschichte sprechen und ein Neuanfang scheint möglich. Schwerer Stoff für sensible Menschen, aber ein großartiges Buch.


Nicht gelesen, aber angeschaut und gestaunt: Blumenbilder im Museum

„Da staunt sogar der Frosch“ titelte der Kulturteil der Zeitung seinen Bericht zur aktuellen Ausstellung im HAUM-Museum. Filigran gezeichnete farbenprächtige Blumenbilder von der Tochter der berühmten Maria Sybilla Merian aus dem 17. Jahrhundert sind hier zu sehen – das habe ich mir nicht entgehen lassen. Leider Fotoverbot im Museum, schade für Euch!

 

Und noch was geguckt, diesmal im Kino: „Der Buchladen der Florence Green“. Ein herrlich original ausgestatteter Film über eine Witwe, die in einer britischen Kleinstadt in den 60ern einen Buchladen eröffnet und mit dem Widerstand der örtlichen Schickeria zu kämpfen hat. Meine Freundin und ich sind (gaaanz kurz nur) mal weggenickt, weil der Film seeeeehr langsam erzählt wird, aber wir waren trotzdem sehr begeistert davon!

 

Auch im Mai war ja der ESC, den ich jedes Jahr sehr gespannt erwarte und dann doch irgendwann zwischen den emotionalen Darbietungen zweier windmaschinengeföhnten osteuropäischen Heulbojen einpenne. Dieses Mal fand ich die Beiträge interessanter als sonst und bin erst nach dem letzten Song entschlummert.
Wer gewonnen hat, hab ich dann am nächsten Morgen gelesen:
Netta macht ziemlich schräge Musik, setzt aber die richtigen Prioritäten!


Apropos Prioritäten:
Wie viele Bloggerinnen stellte ich mir angesichts der Herausforderung, einen Blog DSGVO-konform anzupassen, die Frage, ob ich weiterbloggen will oder ob ich den Anlass nutze, einen Cut zu machen?
Habe ich weiterhin Lust und Energie, stundenlang Fotos zu bearbeiten, hochzuladen, Themen und Text zu finden und Teil der Bloggergemeinschaft zu bleiben?  – Jepp. Habe ich. Weil es mir etwas gibt und weil ich gern dabei bin.
Solange ich Spaß daran habe, mache ich weiter, fehlt der irgendwann, dann drücke ich auf den „Löschen“-Knopf.

Advertisements